Diagnose Gebaeudekrankeit - Ein Beitrag von Dr. Nicolai C. Striewe MRICS, Direktor, Taurus Investment Holding, erschienen auf Capital.de

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Diagnose Gebaeudekrankheit -

 

Ein Beitrag von Dr. Nicolai C. Striewe MRICS, Direktor, Taurus Investment Holding, erschienen auf Capital.de am 4. Mai 2016.

 

 

Viele Menschen leiden unter dem "Sick Building Syndrome". Daher werden gesundheitliche Fragen beim Bauen immer wichtiger. 

 

Bei „nachhaltigen Immobilien“ denken viele Menschen ausschließlich an Energieeffizienz. Doch das ist zu kurz gefasst. Fortschrittliche Projektentwickler widmen sich dem Thema Nachhaltigkeit in viel umfassenderer Hinsicht. Dabei liegt der Fokus nicht allein auf einem sparsamen Umgang mit Ressourcen, sondern auch auf den Ansprüchen der Menschen von morgen, die diese Immobilie nutzen werden. Qualitativ hochwertiger Büro- und Wohnraum beispielsweise wird heute viel stärker nachgefragt als noch vor ein paar Jahrzehnten.

Grund hierfür ist das gesteigerte Gesundheitsbewusstsein der Menschen: Gesunder Ernährung, sportlicher Aktivität und einer ausgewogenen Work-Life-Balance kommen eine immer größere Bedeutung zu. Das spiegelt sich auch in Zahlen wider: In der Bundesrepublik werden 11,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Gesundheit ausgegeben. In Entwicklungsländern wie etwa Indien ist dieser Wert zwar noch niedriger, aber auch hier nimmt das Gesundheitsbewusstsein der Menschen zu.

 

GEBÄUDE WERDEN ZUM GESUNDHEITSFAKTOR

 

Für die Immobilienbranche bedeutet dies ein Umdenken bei der Gebäude- und Raumgestaltung. Dabei spielen eine effizientere Nutzung von Fläche, eine höhere Produktivität und niedrigere Energiekosten eine ebenso entscheidende Rolle wie Akustik, Ästhetik und Luftqualität. Denn: Der Effekt von Immobilien auf die Gesundheit des Menschen ist signifikant. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO leidet 20 Prozent der westlichen Bevölkerung unter einem sogenannten Sick Building Syndrome (SBS) – zu Deutsch Gebäudekrankheit. Dieses Syndrom beschreibt, vereinfacht gesagt, alle unerwünschten Effekte eines Gebäudes auf die Gesundheit des Menschen.

Im Anfangsstadium klagen Betroffene über Kopfschmerzen oder Schwindel. Im weiteren Verlauf können Reizungen der Augen und Atemwege auftreten, aber auch Depressionen, Funktionsstörungen der Nieren und der Leber sowie sogar Krebserkrankungen. Meist wird das Sick Building Syndrome durch minderwertige Baumaterialien hervorgerufen, aber auch Akustik, Beleuchtung, Gestaltung und Belüftung bestimmen maßgeblich das Wohlbefinden von Menschen in einem Gebäude. Daher wächst die Bedeutung der Lebens- und Arbeitsqualität beim nachhaltigen Bauen stetig.

 

USA ZEIGEN, WIE ES GEHT

 

Auch in den USA wird Nachhaltigkeit in der Immobilienbranche großgeschrieben. Die fortschrittsbegeisterten Amerikaner setzen dabei vor allem auf digitale Technologien und dezentrale Energielösungen. Ein Beispiel hierfür ist das „Whisper Valley“ im texanischen Austin. Hier wird momentan die größte energieautarke Siedlung der USA gebaut. Das Projekt umfasst 7500 Häuser, die alle den Null-Energiestandard erfüllen werden – eine Vorgabe, der ab 2019 alle neu errichteten Häuser in Austin entsprechen müssen. Die Gebäude im „Whisper Valley“ werden auf einer Fläche von umgerechnet 1170 Fußballfeldern errichtet. Die nachhaltige Bauweise findet sich hier sowohl in Form von Solar-Paneelen als auch in einem Geothermie-Kreislauf und neu entwickelten Fertigwandteilen.

Smart Home, Smart Heating und ein High-Speed-Glasfaserinternet runden den Wohnkomfort der Bewohner ab. Für das Wohlbefinden und die Gesundheit der Hausbewohner wird auch der Lichtqualität eine entscheidende Bedeutung beigemessen. Neue Smart-Lighting-Lösungen unterstützen dank LED-Technologie die verschiedenen Aktivitätsphasen wie das morgendliche Aufwachen oder nächtliche Zubettgehen der Bewohner. Die Maßgabe ist die Verbindung von urbanem Leben mit Natur und Landwirtschaft sowie eine architektonische Vielfalt der Häuser.

 

AUCH IN EUROPA AUF DEM VORMARSCH

 

Nach einer von der EU im Jahr 2010 beschlossenen Gebäuderichtlinie müssen ab dem Jahr 2021 alle Neubauten unter die Kategorie „Niedrigstenergiegebäude“ fallen – also einen Energiebedarf vorweisen, der gen Null tendiert. Der verbleibende Bedarf sollte zu einem wesentlichen Teil aus erneuerbaren Quellen am Standort selbst oder in unmittelbarer Nähe gedeckt werden. Die Amerikaner entwickelten bereits 1998 ein System zur Klassifizierung für ökologisches Bauen. Wer ein solches Zertifikat für sein Gebäude erhalten möchte, muss sich an zahlreiche vorgegebene Standards für umweltfreundliches und ressourcenschonendes Bauen halten.

Das deutsche Pendant ist das „Deutsche Gütesiegel Nachhaltiges Bauen“. Immobilien mit diesem Gütesiegel sind auch aus Investorensicht um einiges attraktiver als herkömmliche Bauten: Mit ihnen lassen sich höhere Mieten und ein besserer Verkaufspreis erzielen. Nach Angaben von Jones Lang LaSalle liegt bei der Gesamtanzahl von Immobilienverkäufen der Anteil an „grünen“ Gebäuden zwischen 20 und 30 Prozent – Tendenz steigend.

Projektentwickler, die neuartige Konzepte wie derzeit in den USA umsetzen, sind keine Visionäre, sondern antizipieren lediglich die Ansprüche von Immobiliennutzern der Zukunft. Es ist irrelevant, was der Hausbesitzer von heute will. Was zählt, ist was sich die Hausbesitzer in fünf bis zehn Jahren wünschen. Nachhaltiges Bauen verfolgt also nicht allein ökologische Ziele, sondern ist aus Risikomanagement-Sicht sehr vorteilhaft. Denn nachhaltige Investitionen korrelieren invers mit dem Risiko; eine Erkenntnis des Autors Gary Pivo, die im Journal of Sustainable Real Estate (2013) veröffentlicht wurde. Die Autoren Eichholtz, Kok und Quigley erbringen im Review of Financial Studies (2013) und dem American Economic Review (2010) ferner den Nachweis für höhere Mieten (durchschnittlich sieben Prozent) in nachhaltigen Immobilien. Weitere für Investoren relevante Erkenntnisse der Studien sind die im Schnitt niedrigere Volatilität, höheren Renditen und höheren Verkaufspreise.

 

Quelle: www.capital.de